Der Vennbahnradweg …oder ein mal Pommes holen in Belgien.

by Alina

Von Aachen nach Troisvierges erzieht sich der traumhafte Vennbahnradweg entlang einer alten Bahntrasse. Auf den 125 km durchquerst du drei Länder ohne in Kontakt mit Autos zu kommen. 

Der Blick aus dem Sattel: Im Norden warten Wälder und Wiesen, soweit das Auge reicht. Unverwechselbare Wasserlandschaften, Seltenheiten aus Flora und Fauna und obendrauf ein Naturschutzgebiet wie aus dem Bilderbuch im Hochmoor des Hohen Venns. Dazwischen und insbesondere im südlichen Teil bilden die Mittelgebirgslandschaften von Eifel und Ardennen eine eindrucksvolle Kulisse.

Alles fing damit an, dass Zugtickets so teuer sind – deshalb dachte ich mir, ich fahre mit dem Fahrrad nach Bitburg. Warum nach Bitburg? Mikulas Familie wohnt dort und da seine Mum einfach eine sehr begnadete Köchin ist, fahren wir regelmäßig in die Eifel. Natürlich besucht man seine Familie nicht nur deshalb, aber ihr wisst, was ich meine.

Ich habe ein paar sehr fahrradverrückte Freunde, die grundsätzlich bei jeder Radtour Feuer und Flamme sind. Martin und Sebastian (aka Doc). Mit den beiden habe ich angefangen Rennrad zu fahren, damals. Damals vor 4 Jahren. So kam es auch, dass ich nach 2 Monaten im Sattel meine erste 150 km Tour antrat. Erst mal hört sich das machbar an. Vielleicht auch nicht. Was mir die Beine so schwer werden ließ, waren aber die knapp 3.000 Höhenmeter, die ich bis zum Ziel zurücklegen musste. Doc erzählt die Geschichte unserer legendären SebaMed RTF (RadTouristikFahrt) wirklich gerne. Ab Kilometer 70 war ich völlig am Ende. An jeder Abzweigung, an der man sich für die Strecke von 80, 120 oder 150 km entscheiden konnte, schleppte ich mich immer in Richtung der 150. Ich wollte das einfach machen. Egal wie. Letztendlich mussten Martin und Doc mich einige Wellen hochschieben, da mir auf der Tour mein Schaltauge kaputt gegangen war. Neben den eh schon viel zu wenigen Gängen hatte ich noch zwei weniger. Ich denke gerne daran zurück, weil es mir immer wieder beweist, dass man alles schaffen kann, auch wenn man es eigentlich nicht kann. Klingt paradox, ist aber so. Selbst jetzt, wo meine Fitness schon um einiges besser ist als damals, wäre diese Tour noch immer eine kleine Herausforderung. Also vielleicht.


Jedenfalls waren die beiden, wie immer, absolut begeistert von der Idee, die knapp 150 km nach Bitburg auf zwei Rädern anzutreten. Jedes Rennrad Abenteuer scheint bei mir damit zu beginnen, dass der Wecker einfach viel zu früh klingelt. Auch dieses Mal. Blöd, dass wir in Richtung Westen unterwegs waren und mit einer gnadenlosem Windklatsche rechnen mussten. Spoiler Alert: Die war wie eine treue Sportverletzung auch dauerhaft präsent.
Mikulas Mum hatte (auch, wenn sie uns für verrückt erklärte, so weit mit dem Fahrrad zu fahren) in Bitburg für alle Kuchen vorbereitet. Nach 145 km Gegenwind, durchaus verdient.


Jetzt hatte Sebastian Urlaub. Für Velofahrer heißt das: Radfahren den ganzen Tag. Für die selbstständigen Freunde der Radfahrer heißt das: Geil, ich komme mit.

Also rufe ich Mikulas Mum an und sage ihr, dass wir an Ostern vorbei kommen. Sie freut sich und fragt aus Scherz, ob ich wieder eine Radtour mache. Ich erkläre ihr, dass ich diesmal den Zug nach Aachen nehme, um dann von dort den Vennbahnradweg bis nach Wasserbillig zu fahren. Puh, die denkt, ich bin verrückt.

In der Zwischenzeit lerne ich Aline kennen, sie fährt stark, ist mega sympathisch, easy going und hat Bock auf Radfahren. Wir machen spontan eine 110 km Tour an der Mosel und lernen uns so besser kennen. Unser Gespräch verlief dann in etwa wie folgt:

„Hast du Lust am Freitag mit mir 215 km zu fahren?“
„Klar, wohin geht die Tour?“
„Vennbahnradweg ab Aachen bis Wasserbillig. Soll superschön sein!“
„Bin dabei!“
„Ja genial, dann am Freitag um 7.00 am HBF in Koblenz!“

Habe selten jemanden so schnell überzeugen können, früh aufzustehen, um sich auf dem Rad zu quälen. Das nennt sich dann wohl echte Leidenschaft!

Meine Vorbereitungen auf die Tour beschränkten sich auf Kette reinigen und Reifendruck prüfen. Mir reichen 5 bar völlig. Erstens bin ich nicht so leicht und zweitens tut der Komfort gut. Komfort heißt hier auch nicht langsamer, ganz im Gegenteil. Aber ich möchte mich nicht zu sehr in technischen Details verlieren. Schnell massiere ich mir noch die 110 km mit der Blackroll aus den Beinen und telefoniere noch mal mit Aline, um zu fragen, was sie anziehen wird. Klingt deutlich Mädchenhafter, als es eigentlich ist. Wir besprechen die Temperaturen und welche Sportkleidung am tauglichsten ist. Das ist oftmals eine schwere Entscheidung. Die falsche Kleidung auf einer langen Tour ist nicht gerade gut für die Moral. Die Motivation wirst du aber brauchen bei 8 Stunden auf dem Rad. 

Morgens um 10 nach 7 stehen Aline, Doc und ich am Gleis und warten auf unseren Zug in Richtung Köln, um dort nach Aachen umzusteigen. Leider hat die Bahn Verspätung und wir verpassen den Anschluss in Köln. Read How to travel with Deutsche Bahn and your bike. Für die Planung ist das gar nicht gut, da wir die Fahrtzeit so kalkuliert haben, dass wir noch im Hellen ankommen. Das geht also auf Kosten unserer Pausenzeit. Ohnehin bin ich immer wieder erstaunt, wie schnell die Zeit einfach vergeht auf solchen Touren. Du hältst hier und da mal GANZ KURZ an oder machst eine kleine Pause, um Wasser aufzufüllen und ZACK zwei Stunden verstrichen, die du nicht auf dem Rad warst. Und das, obwohl du dich beeilst. Ein bisschen Genuss ist sehr wichtig, damit die Stimmung oben bleibt. Radfahren ist so mental!

Wir starten unsere Tour also eine Stunde später. Es ist super kalt, bewölkt und ein bisschen diesig. Eine Windweste wäre super gewesen, habe mich ein bisschen verschätzt. Statt der 12 sind es nämlich nur 4-8 Grad und die Sonne lässt auf sich warten. Die 80 er Musik aus meiner Musikbox motiviert und wir fahren extra gemütlich los. Im Schnitt brauche ich wirklich 30 – 40 Minuten, um warm zu werden. Wohl wissend, dass von „warm“ heute wohl nicht die Rede sein würde.
 Doc hat Mitleid mit mir und leiht mir seine Handschuhe, um die ich echt dankbar bin. Nach 1,5 Stunden Fahrtzeit habe ich trotz des ausgiebigen Porridge Frühstücks erneut Hunger. Die anderen beiden haben sogar schon vorher gegessen. Jede Stunde muss ein Riegel verputzt werden oder man hält an für einen größeren Snack. Das Gute ist, Essen kann man wirklich überall kaufen und wir sparen etwas an Gepäck. Trotzdem habe ich einiges in meiner Handlebar Bag dabei. Man weiß ja nie. Übrigens arbeite ich auch an einem Artikel zu dem Inhalt meiner Tasche auf langen Touren.

Der Radweg ist wirklich ein Traum. Zu Anfang noch ein wenig holprig auf der deutschen Seite, aber sobald es Richtung Belgien geht, ist der Asphalt super smooth. Die Reifen hören sich toll an auf der Straße, ihr wisst schon.

Wir genießen die tolle Natur und freuen uns über den kleinen blauen Fleck am Himmel, der immer größer wird. Wir haben eine konstante Steigung zwischen 1 und 2 %, was ganz gut ist, da Aline und ich ein wenig frieren.

Es ist nicht viel los auf dem Radweg, auch wenn es einige gab, die hier gemütlich spazieren gingen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der Radweg im Sommer wirklich überfüllt ist und man viel Slalom fahren muss. 

Mit 40 Sachen nutzen wir den Rückenwind und freuen uns unseres Lebens. Zwischen Hinter- und Vorderrad sind kaum 30 cm Abstand. Wie aus dem Nichts, spring ein Hund vor uns auf den Radweg und wir müssen alle drei eine Vollbremsung hinlegen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich und die  anderen beiden ineinander stürzen und stoße einen Angstschrei aus. In letzter Sekunde kommen wir zum Stehen, ohne über den Lenker zu gehen. Das war verdammt knapp und ich brauche 5 km, um den Schock zu verdauen und meine Wut hinunter zu schlucken. Ich liebe Hunde, deshalb will ich nicht aus Versehen einen mit meinen Speichen verletzen und im Krankenhaus landen. Mal abgesehen von meinem geliebten Bike…! Aber das war nichts, was man nicht über einer guten Portion belgische Pommes vergessen konnte.

Nur noch wenige Kilometer bis Pommes. Die sind nämlich legendär in Belgien! Generell bin ich jemand, der wirklich aufpassen muss, was ich auf dem Rad esse, damit es mir nicht schlecht geht. Wenn dein Körper performen soll, braucht er gute Voraussetzungen. In dem Fall etwas, das nicht allzu schwer verdaulich ist.
Pommes sind natürlich alles andere als gesund, aber sie liefern uns viel Motivation und Kalorien für den Rest der Tour. Der einzige Laden, der noch geöffnet ist (es ist Car frei Tag), wird gestürmt. 10 Minuten später und Aline und ich hätten geschmollt, weil wir keine Pommes mehr bekommen hätten. Das wäre eine wahre Enttäuschung gewesen. Schließlich waren die belgischen Pommes unsere Mission heute. Umso leckerer war diese kleine Pause. Die Fritten machten uns drei sehr glücklich.  Belgische Pommes sind vermutlich noch leckerer, wenn man sich 90 km darauf freuen kann und hungrig ankommt. Weiter ging’s Richtung Luxemburg, das dritte Land, das wir heute mit dem Fahrrad bereisen würden.

Getränkt in der Freude über unser aktuelles Micro-Abenteuer, begannen Aline und ich schon mal den gemeinsamen Bike-Packing Trip zu planen. Begriffe wie Freiburg, München, Bodensee und Italien sorgten für einige Stunden Gesprächsstoff. Nach 125 km, in Troisvierges, einem Städtchen in den Luxemburger Ardennen, ist der Radweg vorbei. Das macht aber nichts, da wir einfach einen anderen Radweg weiter fahren. 

Die Pommes im Magen merkte ich bis 160 km. Tatsächlich brauchte ich keinen Riegel und hatte immer noch einiges an Energie. Ganz im Gegensatz zu meinen Wasservorräten, die sich dem Ende neigten. Stopp an einer Tanke bei KM 168.

Nun ging es 300 Höhenmeter am Stück hoch, die ich durchaus in den Beinen spürte. Im Flachen merkte ich die Belastung der bisher 5-6 Stunden nicht wirklich. Der kleine Anstieg war einer der einzigen Streckenabschnitten, auf dem wir Autos sahen. Nach dem Berg kamen wir schon auf über 1.000 Höhenmeter. Doc meinte, jetzt ginge es nur noch bergab. Das ist allerdings eine Aussage, die ebenso wenig in der Realität existiert wie: „Heute fahren wir gemütlich“.

Da wir schon 17.00 Uhr hatten (ja, das kam überraschend), mussten wir nun Gas geben. Mit 170 km in den Beinen fällt das schon mal doppelt so schwer. Wie die Wahnsinnigen ritten wir im Windschatten über die Wellen und ich holte überdies noch einige Platzierungen auf STRAVA. Mich motivierte der nächste coffee stop. Sebastian erwähnte ein wunderschönes, idyllisches Städtchen in Luxemburg. Immer wieder musste ich an das Pfund Bananenbrot denken, das seit Aachen in meiner Tasche chillte.

In dem wunderschönen Städtchen Vianden besorgten wir uns Soja Cappuccino (dass es hier Sojamilch gibt, hätte ich nicht gedacht) und setzten uns an eine warme Mauer in die Sonne mit Blick auf das Wasser. An diesem Punkt war mir zum ersten Mal, mit Ausnahme des Anstiegs, wirklich warm. Das machte mich ein wenig pathetisch, da es von jetzt an nur kälter und dunkler werden würde. Die Stunde, die Zug Verspätung uns gekostet hatte, war nun sehr präsent. Allerdings würde ich nicht sagen, dass ich, wie sonst üblich, ein kleines Tief hatte. Auf langen Reisen, kommt der seelische Tiefpunkt normal immer irgendwann, oftmals bei km 140. Ein Danke geht raus an die tolle Begleitung und die Stars aus den 80ern. Jedes Mal wurde ich beim Blick auf meinen Gamin überwältigt, wir hatten schon so viele km geschafft! Auch, wenn ich das immer wieder mal mache, beeindruckt mich eine weite Bikedistanz jedes Mal von Neuem. Tatsächlich waren wir alle sehr euphorisch.

Die drei Rücklichter blinkten und leuchteten fröhlich vor sich hin, ähnlich wie Sebastians rote Hände, da ich noch immer seine Handschuhe trug. Was mich auch freute: Meinem Hintern ging es prächtig. Zuvor habe ich ein paar Einstellungen am Sattel verändert, die sich schon bezahlt gemacht haben.


200 km in den Beinen! Mein Knie meldete sich zu Wort, was ich gekonnt ignorierte, damit wir pünktlich am Bahnhof in Wasserbilig ankamen. Weil der Doc ein echtes Tier ist, erreichten wir die Haltestelle noch vor Einbruch der Dunkelheit und 20 Minuten bevor der Zug abfuhr. 19.45 Uhr, 215 km und 1700 Höhenmetern in den Beinen und ein dickes Lächeln im Gesicht.

Mikulas Mum hatte Pizza selbst gemacht, ich hatte so viel Flüssigkeit verloren, dass sie mir mit einer Menge Salz noch vorzüglicher schmeckte als ohnehin schon. Weniger platt als gedacht, lag ich auf der Couch und ließ die Fahrt Revue passieren. Dadurch, dass ich konstant darauf geachtet hatte, dass ich im GA1 und GA2 Bereich blieb mit meinem Puls, war ich nicht völlig erschöpft. Zumindest für den Moment.

UPDATE einen Tag später: Die Beine sind sehr müde.


Hier kommst du zur Aktivität auf STRAVA und kannst dir die GPX der Tour runterladen, um dir deine Pommes in Belgien abzuholen.


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